Die Tradition stirbt leise

Monatsbrief August 2020

Nicht der Virus in Form von COVID - 19 tötet die Tradition, sondern allein die Maßnahmen der Bundesregierung ersticken das kulturelle und soziale Leben in unserem Land. Wer dieser Tage mit offenen Augen durch die Straßen dieses Landes geht erkennt die Folgen von Ausgangsbeschränkung und Lockdown nur zur Hälfte. Ohne mich wiederholen zu wollen, werden die Einschränkungen und Veränderungen im Leben jedes einzelnen von uns mit dem vermutlichen Ende der Pandemie nicht spurlos verschwinden. Wer dies verneint, den verweise ich auf die kürzliche Verlautbarung der Präsidenten aller rheinischen Karnevalshochburgen, welche zwar eine Karnevalssession 2021 nicht ausschließen wollen, aber doch aufmerksam die weitere Entwicklung

beobachten.

Viele kleinere Vereine und Totalitäten haben jedoch bereits ihre Veranstaltungen für die kommende Saison komplett abgesagt. Die Auflagen und Vorschriften, welche derzeit und vermutlich auch noch künftig gelten werden, waren ihnen einfach zu hoch. Der Karneval des Rheintals, der süddeutsche Fasching sowie die alemannische Fastnacht gilt gemeinhin als immaterielles Kulturerbe. Das Jahrhunderte alte Brauchtum, bei dem die gesellige Zusammenkunft von Karnevalisten und deren Vorträge und Gesänge im Mittelpunkt stehen, läuft nun Gefahr durch die strengen Auflagen und Hygienevorschriften völlig zu verschwinden.


Sie begreiffen die Veranstaltungen lediglich als Vorwand für alkoholische Exzesse oder noch schlimmer als sinnentleerten, dekadenten Auswuchs einer feiersüchtigen Gesellschaft.

„Spaßbremsen“ und „humorbehinderte“ Gutmenschen mag dieser Gedanke wohl sehr gefallen und auch viele andere, welche kein Verständnis für Brauchtum und Tradition besitzen blickten in den vergangenen Jahrzehnten mit ziemlichen Unverständis auf die alljährlichen Karnevalsumzüge in Aachen, Bonn, Köln und Düsseldorf. Sie begreiffen die Veranstaltungen lediglich als Vorwand für alkoholische Exzesse oder noch schlimmer als sinnentleerten, dekadenten Auswuchs einer feiersüchtigen Gesellschaft. Dem widersprechen aber zahlreiche Vertreter traditioneller Vereine und beschwören geradezu die sinnstiftende und solidarisierende Wirkung dieser Karnevalsgruppierungen mit ihren Veranstaltungen, Aufführungen und musikalischen Darbietungen gerade in Krisenzeiten. Der ehrenamtliche Einsatz ist wie in allen anderen Bereichen so auch hier immens und nicht mit Geld aufzuwiegen.


Auch digitale Lösungen wären als ergänzender Moment durchaus denkbar, aber eine komplette Sitzung nur virtuell stattfinden zu lassen, dass ginge dann vielen „Fastelovend“ zu weit.

Die Verantwortlichen machen sich nun Gedanken wie künftig ein Überleben möglich gemacht werden kann. Die Verkleinerung der Sitzungen, die in ihren Anfängen vor hunderten von Jahren aus kleinem Kreis entstanden wäre durchaus eine Option, die mit den Versammlungsbeschränkungen in Einklang gebracht werden könnte. Auch digitale Lösungen wären als ergänzender Moment durchaus denkbar, aber eine komplette Sitzung nur virtuell stattfinden zu lassen, dass ginge dann vielen „Fastelovend“ zu weit. Eine Prunksitzung lebt nun mal von ihren Büttenreden und musikalischen Darbietungen und von seinem Publikum. Wer in letzter Zeit Shows und Fernsehsendungen gesehen hat, bei denen das Publikum fehlt, der weiß sehr wohl das die Pointe von den Lachern lebt und das Schunkellied doppelt so schön ist, wenn jeder mitmacht. Fehlende Gäste oder auch nur eine Reduktion auf das Mindestmaß ist ein tiefer Einschnitt und schmälert auch die Freude am Erlebten.

Ob nun solche festen Größen wie der „ZDF Fernsehgarten“ oder „Immer wieder Sonntags“ im zweiten deutschen Fernsehen überleben werden, wird die Zeit zeigen. Die Pappkameraden auf den Rängen, bei solchen Live-Veranstaltungen üblich geworden, werden uns wohl noch eine Weile begleiten und auch Applaus sowie Gelächter vom Band wären denkbar. Alles in allem würde es jedoch das Aus für solche Formate bedeuten, da sie nun einmal von der Atmosphäre eines lebendigen Publikums leben. Das gleiche gilt für jede größere Kirmes, Schützen- oder Volksfest in diesem Land, unter den jetzigen Beschränkungen ist eine Durchführung entweder nicht rentabel oder organisatorisch unmöglich. Lösungen wie eine Verteilung der Veranstaltungen über eine größere Fläche, wie Münchens Open-Air Projekt „Sommer in der Stadt“ sind nur klägliche Versuche die Bedrohung durch den Virus zu entschärfen.


Der brasilianische Schriftsteller Paolo Lins bemerkte dazu treffend: „Wenn du ein Volk dominieren willst, dann musst du seine Kultur zerstören.“

Fast möchte man glauben, dass sei alles so gewollt und der Virus wäre eine Superwaffe der Universalisten und Gegner jedweder Form von Brauchtum und Tradition. Der Verwirklichung der Globalisierung und des damit einhergehenden kulturellen Overkills wäre man durch die Beseitigung der bisher noch störenden Überresten kultureller Identität in Form von traditionellen Ritualen und dem volkseigenen Liedgut einen bedeutenden Schritt näher gekommen.

Der brasilianische Schriftsteller Paolo Lins bemerkte dazu treffend: „Wenn du ein Volk dominieren willst, dann musst du seine Kultur zerstören.“

Der Virus zerstört geradezu unbemerkt unsere Kultur und wenn manchem dieses Wort zu stark ist, so verändert er doch drastisch unsere Gebräuche und Rituale, welche auf Zusammenkünften sowie sozialem Austausch beruhen. Den scheinbaren Ausweg in digitale Korridore, schafft keine Abhilfe sondern verschärft nur die soziale Isolation und Vereinzelung einer ganzen Gesellschaft. Uns droht der soziokulturelle Tod auf Raten, da die Einschnitte vorerst nur zeitlich limitiert wirken und immer noch bei vielen die Hoffnung besteht, es würde wieder so wie früher.

Wenn nun im nächsten Jahr die Volksfeste und Veranstaltung jeglicher Couleur ebenso ausfallen oder zumindest in stark verkleinerter Form stattfinden werden wie 2020 entsteht dadurch etwas völlig neues. Welchen Nutzen können wir Konservative und Nativisten daraus ziehen? Bei allen negativen Auswirkungen muss man doch auch die eine Option in Betracht ziehen, das ein gesellschaftlicher Mikrokosmos welcher auf sich selbst beschränkt ist in seiner Isolation neue Verbündete entdecken kann. Bereits jetzt eint der Widerstand gegen die Maßnahmen der Bundesregierung und der Länder viele gesellschaftliche Schichten. Die bisherigen Etikettierungsversuche greifen plötzlich nicht mehr und Verunsicherung macht sich breit, bei der sogar Vertreter der Exekutive oft die Seite wechseln. Erste Auflösungserscheinungen sind zu beobachten und der vermeintlichen Spaltung einer Gesellschaft, die ohnehin klassenlos geworden nur noch schwer in soziale Milieus unterteilt werden kann, reitet an ihrer Spitze der Reiter im Namen der Angst und Furcht voraus, welche alle diejenigen vor sich hertreibt, die sich ängstigen lassen.

Vielleicht entsteht auch ein neues Biedermeier, welches in seiner Beschränkung auf das Wesentliche die Grundlage für etwas neues schafft. In der Zeit der französischen Besatzung gab es schon einmal Versammlungsverbote und Zensur. Vor gut 200 Jahren entstand aus der Isolation und Repression eines ganzen Volkes die Idee einer starken Nation. Dabei half vor allem die Rückbesinnung auf die Grundprinzipien deutscher Tugend und ihren Wertekanon dieses Ziel zu erreichen auf die ich an anderer Stelle noch weiter eingehen werde. Schlussendlich dürfen wir uns nicht unserer Traditionen, Sitten und Gebräuche auf so perfide Weise berauben lassen. Ob Volksmusik oder Schlager, ob Volksfest oder Kirmes, ob Christkindelmärkte oder Weihnachtsfeier, unsere Identität steht auf dem Spiel und die Geselligkeit, für die unser Volk so berühmt ist wiederum Gefahr von einem Virus getötet zu werden, dessen wirkliche Gefährlichkeit nicht physisch sondern vor allem psychisch zu sein scheint.

Purismus kann sehr heilsam sein, wenn das Übermaß die Seele verletzt hat.

Wie so oft ist auch diese Betrachtung nur eine Momentaufnahme und es bleibt abzuwarten ob sich meine Prognosen erfüllen. Jedoch ist es trotzdem immer wichtig wachsam zu bleiben und die Gunst der Stunde nicht verstreichen zu lassen.

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